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Aktuelle Meldung



27.10.2020 - Kategorie: Italien

ITALIEN: »Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor«




Die zunehmenden Einschränkungen aufgrund der Covid-Pandemie werden nicht von allen Menschen gleich hingenommen. In Neapel, Hauptstadt der Region Kampanien, kam es am vergangenen Freitag, 23. Oktober, zu schweren Ausschreitungen gegen die Polizeikräfte.

Aufgebrachte Bürger, aufgewiegelt, wie vom italienischen Innenministerium vermutet wird, von Angehörigen der Camorra und von rechtsgerichteten Fußballfans, lieferten sich regelrechte Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften. Innenministerin Giuliana Lamorgese sprach von »Stadt-Guerilla«. Auslöser war die Ankündigung eines regionalen Lockdowns von Seiten des Präsidenten der Region Kampanien, Vincenzo De Luca, der über die staatlichen Bestimmungen hinausgeht und die Region sozusagen abriegelt.

Nev, die Nachrichtenagentur des FCEI, des Bundes der Evangelischen Kirchen in Italien, hat am 24. Oktober die Vizepräsidentin des Konsistoriums der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Cordelia Vitiello, die auch Präsidentin des Evangelischen Krankenhauses Bethanien in Neapel ist, zur Lage interviewt. Nachstehend eine Zusammenfassung des von Barbara Battaglia geführten Interviews.



Cordelia Vitiello – Bild: ELKI

Barbara Battaglia: Sie wohnen in Neapel. Wie erleben Sie diese Situation?
Cordelia Vitiello: Es ist eine sehr schwierige Zeit für Neapel: Es hätte nicht so weit kommen dürfen, die Menschen sind wirklich verzweifelt und verärgert. Die Gewalt muss auf jeden Fall verurteilt werden, es waren wirklich harte Szenen, aber andererseits kann man den Protest auch verstehen.

Wer war tatsächlich beteiligt an den Protesten?
Ich glaube nicht, dass es die Wirtschaftstreibenden selbst waren, die Ladenbesitzer und Gastwirte, die eine Schließung fürchten und um ihre Existenz bangen. Es hat alles mit einem allgemeinen Protest gegen die Entscheidungen des Präsidenten, die als übertrieben angesehen werden, begonnen. Es ist der Eindruck entstanden, dass wir in Kampanien im Hinblick auf unsere Rechte als Bürger auf nationaler Ebene diskriminiert werden. Es herrscht ein Klima wachsender Feindseligkeit gegenüber der Politik, selbst denjenigen gegenüber, die erst kürzlich die (Regional-)Wahlen gewonnen haben. Die Menschen wollen arbeiten. Die Schließung der Schulen führt zu enormen Benachteiligungen in der Gesellschaft Kampaniens. Nicht alle haben die Möglichkeit von zuhause am Online-Unterricht teilzunehmen, nicht alle Familien haben Internetzugang oder Computer. Es ist offensichtlich, dass dieses Unbehagen dann von verschiedenen Seiten ausgenutzt wird, um Unruhe zu schüren.

Sie sind selbst im vergangenen März an Covid erkrankt …
Das stimmt. Heute geht es mir besser, ich bin geheilt, auch wenn ich immer noch viel Antikörper habe und mich teilweise auch noch müde fühle. Aber das ist sicher auch auf meine Arbeitsbelastung zurückzuführen. Das Evangelische Krankenhaus Bethanien steht wie bereits während der ersten Pandemiewelle in erster Linie. Mit 158 Betten war unser Krankenhaus – das unter privater, religiöser Trägerschaft steht, aber viele öffentliche Dienste leistet, wie z.B. die Notaufnahme – während des ersten Lockdowns in das regionale Covid-Netzwerk eingegliedert.

Wie ist die Situation jetzt?

Schwierig. Seit zwanzig Tagen fragen wir die Region und die zuständigen Institutionen, was wir zu tun haben, aber bis heute haben wir noch keine konkreten Antworten erhalten, was die Organisation dieser zweiten Welle und ganz konkret das betrifft, was wir leisten sollen. Unser erstes Ziel ist es, unser Personal zu schützen, insgesamt 440 Personen, Ärzte Krankenschwestern, Verwaltungspersonal und Mitarbeiter des Gesundheitswesens – aber ich muss gestehen, dass wir uns im Augenblick etwas allein gelassen fühlen. Inzwischen haben wir schon einen »Solidaritäts-Camper« organisiert, der bald seine Arbeit aufnehmen wird und außerhalb der Struktur sozusagen als »Zugangsfilter« für alles, was mit Covid-19 zusammenhängt, fungieren wird. Seit einer Woche ist das Krankenhaus auch in der Lage, die hier durchgeführten Abstriche selbst auszuwerten.

Wie sehen sie diese zweite Pandemie-Welle?
Nach meinem Dafürhalten ist diese zweite Phase von noch größerer Verwirrung gekennzeichnet als die erste. Das allgemeine Klima – und die Wahrnehmung der Bürger bestätigt das, muss ich leider sagen – ist von großer Desorganisation gekennzeichnet. Was unser Krankenhaus und unsere tägliche Arbeit betrifft, so unterstützen uns glücklicherweise die lutherischen Kirchen weltweit, wie schon während der ersten Phase, ebenso wie die Gemeinschaft der Waldenser. Wir bereiten uns so gut wir können auf die kommenden Wochen vor, und wenn ich ehrlich bin, heißt das: Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor.
Übersetzung: nd

 

Auch der Martin-Luther-Bund unterstützt das Evangelischen Krankenhauses Bethanien in Neapel in dieser schwierigen Situation und bittet dafür um Spenden.